Tour Transalp 2014 – als Frauenteam von Mittenwald nach Arco

Im Trainingslager 2013 auf Mallorca war die Idee geboren. Und sie ließ uns nicht mehr los. Wollten eigentlich ursprünglich Matthias und Manni als ziemlich homogene Bergfahrer die Herausforderung annehmen, entdeckten Carmen und ich, dass wir an längeren Anstiegen ebenfalls recht homogen fahren.
Auch trauten wir uns zu sieben anstrengende Etappen und Tage, an denen sicher auch manchmal die Nerven (und die Muskeln) „blank“ liegen, gemeinsam zu schaffen und uns gegenseitig motivieren zu können. Also sollte es eigentlich zu viert losgehen, aber Mannis Knie ließ den Start der Männer nicht zu.
Carmen und ich ergatterten einen Startplatz und wagten uns an dieses große Jedermannrennen ran. Im Vorfeld hatten wir uns einige Bergtrainingsrunden (wie z.B. zwei gemeinsame Tage im Harz, den Rhön- Radmarathon als „Generalprobe“) ausgesucht, damit wir gemeinsam Höhenmeter trainieren konnten. Henry (Carmens Mann) wollte uns mit dem Wohnmobil begleiten, so dass uns unruhige Nächte im Camp erspart blieben.20x30-TTLD1971 (Custom)

Mittenwald, Freitag 27. und 28.6.14:
Bereits am Freitag füllt sich das kleine Städtchen am Fuße des Karwendels mit Rennradfahrern, die zum Großteil erschreckend durchtrainiert aussehen. Dieses Gefühl kenne ich. Bei jedem Rennen schleicht es sich vor dem Start an und ein: die sehen alle sooooo fit aus, schluck.
Am Samstag füllt sich dann das Städtchen zunehmend mit den leuchtend grünen Sporttaschen, die alle Starter bekommen. Überall sind Menschen mit diesen großen Taschen unterwegs. Wir fahren eine kleine Runde auf die erste Anhöhe – die Buchener Höhe bezeichnet sich tatsächlich als Pass- puh, die Beine funktionieren doch noch.
Das Wetter ist strahlend, aber für den kommenden Tag sieht die Wetterprognose trübe aus. Regen ist angesagt. Wir hoffen…Und kommen auf der ersten Nudelparty schon mit netten Teams ins Gespräch. Unser Wohnmobil steht neben dem eines Rennradfahrers aus Rethem. Ob er wohl mal in Verden zum Training auftaucht?

Etappe 1, Mittenwald- Sölden, 115 km, 2470 hm über die Buchener Höhe und das Kühtai (29.6.14)
Nach einer sehr schlafreduzierten Nacht (wir sind mehr als aufgeregt) rollen wir im Regen zum Startplatz. Die Regenjacke und Überschuhe sind übergezogen und wir haben uns für Beinlinge entschieden. Schon in der Ebene sind es morgens eher 12°. Wir fahren mit kleinem Rucksack, in dem Winterhandschuhe, Regenhose, Mütze und langes Unterhemd sind. Am Startplatz stehen alle unter Vordächern, haben die abenteuerlichsten Verkleidungen an, um trocken zu bleiben.
Wir entscheiden uns doch die Regenhosen anzuziehen, egal wie es aussieht und drücken uns hinten in den Startblock. Der Startschuss fällt und als wir losrollen platscht der Regen so richtig los. Nach fünf Minuten gibt es durchgehendes Feuchtklima, aber da es zunächst ja eigentlich nur bergauf geht, wird uns zumindest nicht kalt.
Die Buchener Höhe ist ja ein Kinderspiel, aber das Kühtai hängt in den Wolken (gut- man sieht dann den kerzengeraden Anstieg nicht so), aber er ist mit zwei, drei fiesen Rampen bis zu 18% ein gemeines Biest. Meine abspringende Kette (natürlich am Steilstück) macht auch keinen Spaß und dass vor mir zwei auf den Viehrosten ausrutschen erhöht die Vorsicht, aber nicht das Tempo.
Oben wechseln wir dann unsere patschnassen Handschuhe, ziehen die Mützen über. Das Unterhemd bleibt im Rucksack und dann geht es quasi auf der Bremse stehend, wahrscheinlich auch mit leichter Panik im Blick und klappernden Zähnen (nein – wir sind kein Abfahrheldinnen, vor allem weil der erste Griff zur Bremse auf den nassen Felgen quasi null Erfolg zeigt und wir keinerlei Erfahrung mit richtigen Bergabfahrten im Regen haben).

Richtig Spaß hat der Zug gemacht, den wir am Schluss aufgemacht haben und wo wir doch noch so einige mitgenommen haben. Schlotternd standen wir dann am Ziel – von Henry (ebenfalls schon schlotternd) erwartet und freuten uns am Sigma- Cafémobil (die beiden Jungs werden bei der Tour unsere liebste „Einrichtung“) und an der warmen Dusche auf dem Campingplatz.

Etappe 2, Sölden – Brixen, 123 km, 2923 hm, Timmelsjoch und Jaufenpass
Nachdem am Vorabend noch unklar war, ob die Etappe heute wegen des Wetters überhaupt stattfinden kann, gab der Rennleiter nach frühmorgendlicher Streckenkontrolle doch das Renne frei. Später erfuhren wir, dass morgens um sieben Uhr die Schneeräumfahrzeuge auf dem Gipfel den Schnee weggeräumt haben. Da die Wetterprognose unklar ist, sieht die Ausrüstung wider ähnlich aus wie am Vortag. Allerdings haben wir bei der Auffahrt nur sporadischen Nieselregen.
Ich habe Carmen leider recht früh bei der Auffahrt verloren und irgendwann kam ihr Anruf, dass sie eine Panne habe und es länger dauere. Ich solle fahren. Was ich nicht wusste, dass sie vom Mechaniker ein anderes Laufrad mit ungünstigerer Übersetzung bekommen hatte, durch die Panne ganz nach hinten rausgefallen war und sich tierisch abarbeiten musste.
Nachdem ich gefühlt ewig lange oben am Gipfel im Wind geschlottert hatte, hinterließ ich die Nachricht, dass ich unten auf sie warten würde und fuhr ab. Und kaum war ich einige hundert Höhenmeter abgefahren kam die Sonne und ich pellte mich unten im strahlenden Sonnenschein aus den überzähligen Klamotten.
An diesem Tag hatten wir eine Temperaturspanne von 3° bis 30°. Der Jaufenpass zog sich – zwar superschön gleichmäßig zu fahren- dann doch ziemlich hin, dafür glänzten wir dann für unsere Verhältnisse bei der Abfahrt. Was machte es Spaß durch die Kurven zu flitzen. Aber die Panne, die langen Pausen und der taktisch schlechte Platz ganz hinten im Startblock sind nicht nachahmenswert. Entschädigt wurden wir mit einem bombastischen Knödelessen auf dem Marktplatz von Brixen, genialem Wetter und einem Platz am Fluss zum Übernachten.20x30-TTKD2086 (Custom)

Etappe 3, Brixen – St. Vigil, 89 km, 2238 hm, Grödner Joch
Heute stand die Kurz- oder „Erholungs“etappe- auf dem Programm. Bei strahlendem Wetter (und ohne Rucksack und lästige überflüssige Bekleidung) ging es los, wie es an den folgenden Tagen sich wiederholen sollte, im „Stau“ mit ständigem nervösem „stop and go“aus der Stadt heraus. Als es von der breiten Straße auf einen schmalen Weg mit durchgängig deutlich zweistelligen Prozentzahlen abgeht, schiebt der ganze Tross über einige hundert Meter, da sich die Fahrerkolonne ordentlich zurück staut. Mutmaßungen über Abkommen mit Pedalplattenherstellern werden laut, bevor wir uns wieder in den Sattel schwingen.
Bereits vor dem Grödnerjoch gab es den ersten „unechten“ Pass, der deutlich steiler ausfiel als der Pass selbst. Zum Grödnerjoch ging es bei strahlendem Sonnenschein nicht zu steil hoch. Insgesamt waren es 45 km Anstieg am Stück und beim Fahren ergaben sich zahlreiche Gespräche. Das sah wahrscheinlich in den ersten Blöcken anders aus.

Obwohl diese Etappe ja eher kurz und leicht war, merkten wir heute doch ziemlich die Anstrengung vom Vortag, freuten uns aber, dass wir ab jetzt doch endlich ohne Rucksack würden fahren können. Außerdem hat sich unsere Wohnwagenroutine eingestellt- wir müssen nicht mehr ständig etwas suchen, Abläufe und Plätze sind klar, die Aufregung legt sich etwas.

Etappe 4, St Vigil – Fiera di Primero, 155 km, 3490 hm, Furkelpass, Passo Cimabanche, Passo Giau, Forcella Aurine, Passo Cereda
Die Königsetappe durch die Dolomiten mit einem Traumblick steht an. Doch der Wettergott meint es nicht gut mit uns. Bereits beim Frühstück ist der Himmel bedeckt und es fängt wieder leicht an zu regnen. Im letzten Moment entscheiden wir uns doch für Regenhosen und Rucksäcke mit Wechselkleidung und Mütze. Die dicken Handschuhe sprengen neben den anderen Utensilien einfach das Fassungsvermögen des Radtrikots. Da nützt es auch nichts, dass wir aus Überzeugung die Herrentrikots mit drei Taschen (statt Damentrikots mit zwei Taschen) tragen.

Uns wird aber sofort warm, da es quasi sofort fiese steil den Furkelpass hochgeht. Leider ist die Schönheit der Dolomiten nur sehr rudimentär zu bewundern, da die Gipfel wolkenverhangen sind. Bei der Verpflegungsstelle auf dem Passo Giau, wo man auch den Motorradmarshalls die nassen und kalten Tage anmerkt, will einer der Radfahrer lauthals seinen Startplatz beim Ötztaler verschenken. Wir greifen nicht zu…und auch sonst keiner ;-).

Dann geht es in die Abfahrt. Wir sind weiterhin sehr vorsichtig, aber die Panik des ersten Tages ist verschwunden. Vor Cortina d’Ampezzo liegt ein Rennrad unter einem Wohnmobil, was alle sehr ruhig und nachdenklich macht. Später erfahren wir, dass der Fahrer mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen wurde und dann auch relativ rasch wieder ansprechbar war.

Der Regen hat inzwischen aufgehört, aber die letzten beiden Ansteige fordern noch mal derbe Körner. Lustig ist, dass wir nun immer mehr Fahrer und Fahrerinnen kennen und mit ihnen beim Fahren ins Gespräch kommen. Die Leistungsniveaus sind etwa einschätzbar und es gibt „Tagesvergleiche“. So gibt es z.B. unseren holländischen Freund Dick und den Thedinghäuser Tobias, dem wir bergauf davon fahren, der uns aber bergab wieder einholt, etliche andere Männerteams in den lustigsten Kombinationen und die Flandrischen Ladies, die in unserer Altersklasse mitspielen und echt zähe Haudegen und schon mehrfach dabei sind.

Insgesamt gibt es im Feld der 1300 Teilnehmer 158 Frauen. 20 Frauenteams sind unterwegs und 118 Mixed-Teams, wobei hier die Frauen häufig von den Männern beim Anstieg geschoben werden, was Carmen innerlich zur Weißglut bringt und uns beide entschieden feststellten lässt, dass wir nicht geschoben werden wollen. Jeder Höhenmeter ist selbst erarbeitet!
Heute ist mal dringend Radpflege angesagt und wir haben auch keine Lust auf die Nudelparty, wo immer die gleichen Teams in unterschiedlicher Reihenfolge auf der Bühne stehen. So genießen wir in der Sonne sitzend und Rad putzend die Pizza vor dem Wohnwagen, und freuen uns, dass alles schön ruhig und warm ist.
Etappe 5, Fiera di primero – Crespano del Grappa, 122km, 3164 hm, Passo Gobbera, Passo Brocon, Monte Grappa
Ab heute hat unsere Stunde geschlagen!! Die Sonne scheint, die Rucksäcke sind weg und unsere Beine kennen das ewige auf und ab. Die Gespräche bei den Auffahrten werden immer lebhafter, allerdings merken wir zunehmend den Allerwertesten – der Magen mag die Isogetränke nicht mehr, aber wir kommen mit Melone, Bananen, Salzletten und Studentenfutter durch. Die Pausen werden rationeller, die Kultur bleibt dabei allerdings auf der Strecke, wie alle übereinstimmend feststellen und wir fürchten, dass wir nach der Tour erstmal wieder das Essen mit Messer und Gabel erlernen müssen. Aber wir holen auf. Wollten wir zuerst vor allem heile durchkommen, kommt nun auch so etwas wie Ehrgeiz durch und wir drücken etwas mehr aufs Tempo. Dabei erleben wir in manchen der anderen Teams nicht ganz so harmonische Szenen. Wir stellen mal wieder fest, dass wir viel Glück miteinander haben und uns das ganz entschieden weiterhilft. Die Abfahrt vom Monte Grappa ist ein Traum und wir lieben es immer mehr, die Serpentinen runter zu heizen, auch wenn wir von Temporekorden meilenweit entfernt sind.

Etappe 6, Crespano del Grappa – Rovereto, 142 km, 2907 hm, Foza (Asiago), Valico di Valbona, Passo Coe
Heute gibt es erstmal eine 25 km lange Flachetappe zum Einstieg. Das ist natürlich was für uns winderprobte Flachlandtiroler! Wir rasen (na ja, am Anfang ist es wieder recht ruckelig, bis sich alles etwas beruhigt hat) mit Geschwindigkeiten wie bei norddeutschen Rennen dahin – und… der nächste Anstieg kommt ganz sicher. Aber die Sonne scheint, es ist trocken, wir scheinen recht gut dazustehen bzw. zu fahren und kommen gemeinsam gut über die Strecke.
Die konkurrierenden Damenteams teilweise nicht ganz so elegant (gut, die sahen die ersten Tage besser aus). Die Strecke scheint heute nicht besonders herausfordernd zu sein, aber nach 85 km kommt dann der lange Anstieg zum Valico de Valbona – nicht besonders steil, aber bei der Wärme spüren wir plötzlich unsere Fußsohlen.

Die Abfahrt nach Rovereto ist der Wahnsinn und Henry hat für uns ein wunderschönes Plätzchen am Fluss gefunden. Die Nudelparty fand im Innenhof eines riesigen alten Fabrikgebäudes statt, was eine besondere Atmosphäre bot und eine prima Kulisse für die Übertragung des WM-Spiels bot. In dieser Nacht schlafen wir endlich hervorragend, kein Wunder bei der idyllischen Umgebung!!

Etappe 7, Rovereto – Arco; 77 km, 2074 hm, Brentonico, Monte Faé, Santa Barbara
Die letzte Etappe. Ein bisschen Wehmut macht sich breit aber auch die Freude, dass das Ziel nah ist und danach auch wieder ein bisschen erholsamer Schlaf und ein anderer Takt dran ist. Wir werden prompt auch morgens noch dazu interviewt.

Eine kurze Etappe – scheinbar… aber wenn auf so wenigen Kilometern und 20 km Flachetappe zu Beginn doch noch über 2000 hm stecken, kann es nicht so ganz gemütlich sein.
Und tatsächlich: bereits beim ersten Anstieg gibt es eine ganz böse Rampe, an der es gar nicht so leicht ist, in den Bergtritt zu kommen, aber das Beste kommt noch: der Monte Faé hat am oberen Ende über eine Strecke von zwei km durchgängig 18%. Das Jaulen geht durch das Feld. Ein Scherzkeks zählt lauthals die km in 10er Schritten rückwärts- ein anderer fordert ihn vehement auf die Klappe zu halten.
Auch bei „0“ zeigt der Steigungsmesser keine niedrigeren Prozentwerte und dem gut gemeinten „noch eine Kurve“ einer Autofahrerin folgen noch zwei weitere. Nicht alle bleiben im Sattel, doch voller Stolz: geschafft- und das vor unseren „Konkurrentinnen“. Dagegen ist der Anstieg nach Santa Barbara ein Klacks und in der letzten Abfahrt überrollen uns die Glücksgefühle!!!! Im Ziel erwartet uns schon Henry und die Stimmung ist phänomenal.
Und das Schönste: die Finishertrikots haben eine tolle Farbe: grün!

 

 

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